barmsteingratAuf diese Tour bin ich gestoßen, als ich einmal Freunde nach einer ganz leichten Route fragte, die man auch problemlos seilfrei gehen könne. „Ja, mach doch den Barmstein-Südgrat, der ist höchstens ein Zweier”. Also stapfte ich los, vorsichtshalber natürlich mit Gurt und Seil im Rucksack. Man kann ja nie wissen, ob man sich nicht mal abseilen muss. Das war eine der wenigen Entscheidungen, die ich nicht bereuen sollte...

Es war dann allerdings weniger das Seil, das ich benutzte, als vielmehr den Klettergurt mit eingehängter Selbstsicherungsschlinge. Als ich nach dem Gratturm in die Wand herausqueren musste, war mir schon ziemlich unwohl. Irgendwelche heroischen „ich mach das free solo” Gefühle waren schnell weg, das (sehr nervöse!) Einklinken des Selbstsicherungskarabiners in den Haken dagegen sehr beruhigend.

Die Tour ist sicher nicht schwerer als II, aber die Ausgesetztheit machte mir schon ziemlich zu schaffen. Es gibt zwar überall Bierhenkelgriffe, aber auch extreme Tiefblicke, die mögliche Sturzstrecke ist teilweise gut 100m senkrecht hinunter.

Später hat mir mein „Gedöns” wegen dieser leichten Tour Spott eingetragen - die Empfindungen, was man als mulmig einstuft, sind halt doch recht unterschiedlich. Manche erfahrene Alpinisten machen den Grat „natürlich” seilfrei, aber kein einziger der Anfänger (mich selbst eingeschlossen), die mit mir dort später noch oft unterwegs waren, hat die Seilsicherung als unnötig empfunden.

Weg

 

Lage:

Kleiner Barmstein (838m), Göllstock, Berchtesgadener Alpen, Deutschland. Ausgangspunkt ist der Parkplatz beim Barmsteinbauern, man fährt von Marktschellenberg bei Berchtesgaden den Barmsteinweg hinauf.

 

Zustieg:

Vom Parkplatz aus auf einem Weg gerade in den Wald hinein zum Fuß des kleinen Barmsteins und dann einfach auf den Sattel im Wald hinaufsteigen. Dann noch ungefähr 50 m den Grat auf bequemem Weg entlang, ein erster niedriger und stark bewachsener Gratturm wird dabei rechts umgangen. Etwa 10 Min.

 

Route:

1.SL:

Der erste Grataufschwung wird auf östlicher (Halleiner) Seite über eine Rinne (II) erklettert. Stand am Gratturm an einer Stahlseilschlinge. Etwa 20m. Dabei immer sehr luftige Tiefblicke hinunter nach Hallein und auf die Salzach.

2. SL:

Jetzt auf der Nordseite entweder den Turm abklettern oder abseilen. 15m, II.

3. SL:

Der nächste Aufschwung wird meist auf der südwestlichen Seite erklettert. II, der Fels ist sehr gut, es stecken genügend Normalhaken. Man beginnt mit einer sehr ausgesetzten Querung (Tiefblicke auf den Barmsteinbauern und das eigene „Spielzeugauto”, H) und dann gut griffig wieder hinauf Richtung Grat zu Stand bei BH, etwa 35m.

4. SL:

Nun wird der Grat einfach (I, 30m) weiter verfolgt, bis das Gelände flacher wird und man gelangt schließlich auf Gehgelände zum Gipfel mit Maibaum.

 

Abstieg:

Auf dem sehr schön angelegten AV-Steig an der Nordwestseite unschwierig wieder hinunter zum Fuß des Barmsteins. Dabei teilweise schöne Tiefblicke auf die extrem glatte und steile Nordostwand des Barmsteins (dort gibt es Kletterrouten zwischen IX und X...).

Schwierigkeiten

 

Technische Schwierigkeiten :

Durchgehend II, am Schluss leichter.

 

Orientierung:

Auf Gratklettereien gibt's meist keine Probleme, lediglich nach dem Gratturm gäbe es noch die Möglichkeit einer Variante (anstatt nach links zu queren direkt den Grat hinauf durch einen Kamin).

 

Sicherung:

Es ist genügend gutes Material vorhanden, lediglich beim Gratturm (1. SL) könnte man zusätzlich einen mittleren Camalot setzen. E0.

 

Objektive Gefahren:

Gering. Der Fels ist für diesen Schwierigkeitsgrad bombenfest. Auch bei mehreren Seilschaften in der Route besteht kaum Steinschlaggefahr, weil man aufgrund des Routenverlaufs kaum mal jemand direkt über sich haben wird. Ein Rückzug ist problemlos.

Charakteristik

 

Erstbegehung:

Unbekannt, die Tour ist ein alter Klassiker.

 

Länge:

Etwa 100 Klettermeter, Höhe etwa 70m. Eine richtige Kurztour.

 

Landschaft:

Sehr lohnend! Man hat immer wieder Tiefblicke von teilweise mehreren 100m nach beiden Seiten des Grates, selbst am Gipfel bricht der Barmstein senkrecht ins Salzachtal ab. Schön auch der Ausblick auf den Großen Barmstein nebenan, manchmal sieht man dort Kletterer in schwierigeren Routen herummhängen.

 

Material:

Die übliche Ausrüstung, Helm, vielleicht ein, zwei Klemmgeräte zusätzlich.

 

Sonstiges:

Es gibt an den Barmsteinen, insbesondere am Großen sehr viele Routen im Bereich VI bis VII, das Ganze ist schon fast ein Klettergarten. Leider sind die typischen Südgrat-Begeher nicht unbedingt die typischen VIer und VIIer Kletterer...

Literatur

H. Froidl: Bayern-Tirol, Touristik-Topoverlag, 1993. Die Tourenbeschreibung ist bei mir auf einer „Sonderseite” (mit einer Nummer, die weit vorher schon einmal vorkommt, aber so ist das halt bei H.F.-Führern) und ist ebenfalls mit II bewertet. Interessant sind einige der dort beschriebenen Variationen (bis V / A0).

H. Schöner, B. Kühnhauser: AV-Führer Berchtesgadener Alpen, Bergverlag Rudolf Rother, 1994. Tour 1212. Dort ebenfalls mit II bewertet.

H. Höfler: Klettern in den Nördlichen Kalkalpen, Bruckmann, 1991. Tour 32. Dort mit III- bewertet, was auch ganz ok ist, wenn man einen kleinen „Ausgesetztheitsbonus” mit hinzu nimmt.